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Für Sie gelesen: Angst hält Schmerzen wach

Mögliche Erklärung für Schmerzchronifizierung: Angst hält Schmerzen wach

Menschen mit Rückenschmerzen bewegen sich anders als solche ohne Beschwerden. Aber nicht nur die Schmerzen, sondern auch die Angst davor wirken sich auf die Bewegungen aus. Dies könnte teilweise erklären, warum gewisse Rückenleiden chronisch werden.

Bei einigen Menschen werden Rückenschmerzen chronisch, die Gründe dafür sind genauso unbekannt wie die Heilungsaussichten. Die Behandlungskosten dieser Patienten machen etwa 85 % der durch Kreuzschmerzen verursachten Kosten aus.

Angst wirkt auf Muskulatur

Yves Henchoz und seine Kollegen von der Universität Quebec in Kanada wollten wissen, welche Rolle die Angst beim Übergang zu einem chronischen Krankheitsbild spielt: Beeinflusst die Angst die Rumpfmuskulatur und die Bewegungsausführung? Sie baten 22 gesunde Personen und 22 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, den Oberkörper nach vorne zu beugen und sich anschließend wieder aufzurichten. Dabei haben sie ihnen im unteren Rückenbereich Temperaturreize in verschiedenen Intensitäten verabreicht, von schmerzlos über leicht schmerzhaft bis schmerzhaft. Vor jedem Hitzereiz haben sie den Teilnehmern mitgeteilt, wie stark der Schmerz sein würde.

 

Teufelskreis

Während des Experiments haben die Forscher die Rumpfbewegungen und die Muskelaktivität im Lendenwirbelbereich gemessen. Die Ergebnisse haben sie überrascht. Den größten Einfluss verübte die Angst vor dem Schmerz auf gesunde Personen: Je höher die zu erwartende Schmerzintensität, desto stärker die Anspannung der Muskeln. Bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen löste der erwartete Schmerz weniger neuromuskuläre Veränderungen aus, den Wissenschaftlern zufolge liegt dies daran, dass diese Patienten auch bei einem schmerzlosem Hitzereiz Schmerzen empfinden. Ihre Bewegungsstrategie ist festgefahren, und sie passen sich weniger an die Umwelt an. Somit sind sie in einem Teufelskreis gefangen: Sie fürchten den mit der Bewegung verbundenen Schmerz, schränken dadurch ihre Beweglichkeit ein und verhindern, dass die Schmerzen je nachlassen.

Die Erwartungen beeinflussen den Schmerz

Bei sechs von 27 Rumpfbeuge- und Streckübungen haben die Forschenden mit falschen Informationen die Erwartungen der Teilnehmer beeinflusst: Auf die Ankündigung eines geringen Hitzegrades ließen sie einen schmerzhaften Hitzereiz folgen. Sowohl die gesunden als auch die unter Rückenschmerzen leidenden Probanden empfanden den Hitzereiz dadurch weniger schmerzhaft.

(Henchoz, Tétreau, Abboud, Piché, Descarreaux (2013). Effects of noxious stimulation and pain expectations on neuromuscular control of the spine in patients with chronic low back pain. The Spine Journal online. doi: 10.1016/j.spinee.2013.07.452)


Fazit von Dr. med. Carl-Heinz Ullrich, Orthopäde im med. Zentrum Villa Nonnenbusch:

„Diese Studie aus Kanada zeigt eindrucksvoll, wie wichtig der vernünftige Umgang mit Schmerz und dessen Verarbeitung ist. Eine Schmerz-Erwartungshaltung führt unweigerlich zu stärkerem Schmerz, Vermeidungsverhalten und einer längeren und stärkeren Schmerzkarriere.

Wichtig ist es also, dem Patienten schon bei ersten Beschwerden umfassende Informationen über die (meist harmlosen) Ursachen aufzuklären, ihn schmerztherapeutisch gut abzuschirmen und ihn sofort in ein aktives Programm zur Schmerzbewältigung miteinzubeziehen. Unsere Hinweise und Tipps noch im Behandlungsraum (zum Beispiel zur Reflextherapie), die Mitgabe von verhaltensmedizinischen Anleitungen (Bürobogen) sowie die Kurse der neuen Rückenschule, die wir seit nunmehr fast 30 Jahren regelmäßig anbieten, sind hierzu wichtige Bausteine."

 

 

Dr. med. Carl Heinz Ullrich
Dr. med. Sven Authorsen


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